Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2003, Nr. 265, S. 37

--------------------------------------------------------------------------------
Vor 136 Jahren wurde der Missionar Thomas Baker verspeist

Nie wieder

Nun hat sich endlich auch das Dorf entschuldigt, und der "Independent" hat es vorgestern gemeldet. Spät, aber nicht zu spät kommt die Reue. Zwar liegt die Untat schon lange zurück, aber sie lastete auf den Bewohnern der weit von den aufgeklärt-großstädtischen Zentren gelegenen Siedlung wie ein Fluch. Sogar von den eigenen Landsleuten werden sie bis heute scheel angesehen, bei Entwicklungsprojekten übergeht man sie notorisch, und sie müssen sich ihre Schande für eine Tat vorhalten lassen, die nicht einmal sie selbst, sondern ihre Vorfahren begangen haben. Vor 136 Jahren nämlich war den Bewohnern von Nubutautau auf den Fidschiinseln ganz kannibalisch wohl, als sie den britischen Missionar Thomas Baker buchstäblich mit Haut und Haaren verspeisten. Nichts als seine Schuhe habe man übriggelassen, hieß es prahlerisch in einem zeitgenössischen Bericht. In der historischen Forschung wird über den konkreten Anlaß noch debattiert, indessen scheint ein wissenschaftlicher Konsens darüber zu herrschen, daß der methodistische Prediger ein Tabu verletzte, als er den Häuptling beherzt beim Haarschopf packte und versuchte, den kultisch verehrten Kamm herauszuziehen. Darauf stand in Nubutautau die Todesstrafe. Seither kämpft das Dorf mit einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Schon im späten neunzehnten Jahrhundert, als die Bevölkerung christlich wurde, ließ man vom Kannibalismus ab. Und schon 1993, als die internationale Welle der Entschuldigungszeremonien begann, hörte man die Signale auch in Nubutautau, gab eine erste dementsprechende Erklärung ab - und schickte als Wiedergutmachung die Schuhe des Missionars an die methodistische Kirche von Fidschi zurück. Aber der Fluch wollte nicht weichen. Wen wundert es? Ist doch der derzeitige Dorfhäuptling Filimoni Nawawabalevu ein direkter Nachkomme des Mannes, der 1867 zum großen Fressen lud. Darf ein so belasteter Repräsentant überhaupt um Verzeihung bitten? Und wird nicht die Schuld relativiert, wenn sich einzelne in Nubutautau darauf herausreden, immerhin sei der geistliche Mann ja davor gewarnt worden, die Frohe Botschaft in das damals noch unkontrollierte Gebiet zu tragen? Die Fidschiinseln haben ihre Debatte. Und es wird nicht das letzte Mal sein, daß die Leute von Nubutautau sich entschuldigen müssen.

L.J.

-------------------------------------------------------------------------------

Newsletter "Investors Daily" vom 17.11.03

Korrespondent Bill Borner: "Lange Schweine"

*** Und hier etwas aus der britischen Zeitung Times:

"Die Einwohner von Fiji haben gestern geweint, als sie sich bei den Nachkommen von Reverend Thomas Baker dafür entschuldigt haben, dass sie ihn vor 136 Jahren gegessen hatten." Sie sagten, dass sie das nicht wieder tun würden.
"Die Menschen würden dort früher 'lange Schweine' genannt, weil ihr Fleisch dem Schweinefleisch ähnlich sein soll", so die Times.